Abschied am Zenit

Mag. pharm. Dr. Klaus Schirmer hat seine Apotheke in Villach verkauft. Was ihn dabei schlucken ließ und wie er mit neuen Projekten seinen Ruhestand belebt.

Text: Josef Puschitz | Fotos Klaus Schirmer

„Das Loslassen gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Leben. Wenn die Kinder ihren eigenen Weg gehen, wenn man sich von Ideen verabschieden muss – es hat aber auch eine tröstliche Aussicht: Es nimmt viel Stress aus dem Leben heraus“, sagt Klaus Schirmer. Den Villacher Apothekeninhaber beschäftigt das Thema in letzter Zeit zunehmend, hat er doch nach 20 Jahren erfolgreicher Geschäftstätigkeit einen einschneidenden Schritt des Loslassens gewagt. Die Obere Apotheke Villach, die er 2005 erworben hat, wechselt ihren Besitzer. Ab 1. März 2027 ist Schirmer dann Privatmann.

Die Entscheidung hat er sich nicht leicht gemacht. „Mir war immer bewusst, dass ich die Apotheke verkaufen will, wenn mein Zenit erreicht ist. Ich glaube nicht, dass ich mit 70 noch besser, dynamischer und ideenreicher sein werde“, sagt der Familienvater. Seine beiden Töchter, die ebenfalls in die beruflichen Fußstapfen des Vaters getreten sind, waren seine erste Wahl für die Nachfolge. Beide entschieden sich aber nach reiflicher Überlegung, nicht mehr aus Wien oder Vorarlberg nach Villach zurückzukehren. 

Reges Interesse an Schirmers Lebenswerk

Schirmer trat daraufhin mit vier Kandidaten in Verhandlungen über den Verkauf der Apotheke – und freute sich über das große Interesse. „Es war eine Erleichterung, zu sehen, dass der Marktwert des Unternehmens in Ordnung ist, wenn sich so viele dazu bereit erklären, es zu übernehmen. Gleichzeitig wurde mir damit aber klar, dass mit dem Verkauf auch ein Teil meiner Identität hergegeben wird“, so Schirmer. Er meint damit seine öffentliche Rolle als Apotheker: In der Gesellschaft, in der Gemeinde geht der Beruf mit einem gewissen Bekanntheitsgrad und Status einher. „Zuerst habe ich ein wenig geschluckt, wusste aber auch, dass es in Ordnung ist. Man kann so eine Rolle nicht ewig spielen. Es wäre peinlich, täte man so, als wäre man immer noch der Vorzeigeunternehmer, hat aber keine Visionen mehr“, sagt Schirmer. 

Edelbitter im Haubenlokal

Seine letzte große Vision hat er noch verwirklichen können: den „Apothekör“. Unter diesem Namen firmiert ein Edelbitter, der mit der Absicht entwickelt wurde, besser zu schmecken als die landläufigen Bittertropfen. Der Plan ging auf – heute wird das Markenprodukt mittlerweile österreichweit in vier Haubenlokalen und zahlreichen Apotheken angeboten. Schirmer musste dafür hartnäckig bleiben, an einem Markenstreit mit einer deutschen Kellerei drohte das Projekt zu scheitern. „Es wurde bemängelt, dass man einen Sekt mit einem Magenbitter verwechseln könnte. Absurd – aber wir mussten zwei Jahre verhandeln und schließlich den Produktnamen von Apotheker auf Apothekör ändern“, sagt Schirmer. Am Produkt will er auch nach seinem Abtritt in der Apotheke weiterarbeiten, nach einem erfolgreichen Markteintritt in Deutschland will er noch andere Länder erobern.

„Das Loslassen gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Leben.  Es nimmt aber auch viel Stress aus dem Leben heraus."

Lebenslanges Lernen

Und noch ein weiteres Ziel hat er sich für den Ruhestand gesetzt: die Ausbildung zum Mediator. „Das Thema Konflikt holt mich immer wieder ein, weil ich dazu immer gefragt werde. Dadurch habe ich gemerkt, dass Mediation etwas ist, das unsere Zeit besonders braucht“, sagt Schirmer, der ursprünglich Lehrer werden wollte, aber im Schulsystem keine Entfaltungsmöglichkeit sah. Die Pharmazie, ein „Zufallstreffer“, hat ihm stattdessen die Möglichkeit gegeben, als Unternehmer seiner Leidenschaft nachzugehen: Menschen zu stärken und zu entwickeln.

Die Obere Apotheke Villach ist seit vielen Jahren erfolgreich.