Schlecht beraten. Ein US-Amerikaner ersetzte auf Anraten der KI sein Tafelsalz durch Natriumbromid – und erlitt eine Vergiftung wie aus dem historischen Lehrbuch.
Text: Maya McKechneay | Fotos: generiert mit Adobe Firefly
Es gab eine Zeit, da wurden Bromsalze so selbstverständlich verabreicht wie Baldrian. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten Natrium- und Kaliumbromid zu den beliebtesten Sedativa überhaupt. Laut einer historischen Erhebung wurde um 1928 eins von fünf Rezepten in den USA für bromidhaltige Medikamente ausgestellt, denn diese galten als sanft, wirksam – und vor allem modern. In zahllosen Mixturen gegen Nervosität, Schlaflosigkeit oder „weibliche Hysterie“ sorgten sie für Ruhe – im Nachgang allerdings immer wieder auch für Einweisungen in psychiatrische Kliniken. Denn „Bromismus“, eine chronische Vergiftung, war damals keine Seltenheit: Krampfanfälle, Ausschläge, Gedächtnisstörungen, Halluzinationen und Depressionen gehörten zu den Symptomen. In manchen Anstalten sollen rund acht Prozent der Aufnahmen auf Bromidpräparate zurückgegangen sein.
Rückzug aus den Regalen
In den 1970er- und 1980er-Jahren verschwanden Natrium- und Kaliumbromid als pharmazeutische Wirkstoffe schrittweise aus den Regalen. Die Substanz, einst als therapeutischer Alleskönner gefeiert, war auf dem Index gelandet – zu unberechenbar, zu gefährlich. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger – vor allem im Internet. Dort, wo sich zweifelhafte Heilsversprechen rasch verbreiten, feierte auch Natriumbromid ein stilles Comeback.
Was war geschehen? Ein 60-jähriger US-Amerikaner wollte sich gesünder ernähren und fragte ChatGPT, womit er Kochsalz ersetzen könne. Die KI schlug vor, als Alternative Natriumbromid zu verwenden. Drei Monate lang würzte der Mann seine Mahlzeiten also mit Natriumbromid statt Natriumchlorid.
Das Ergebnis: ein stark erhöhter Chloridwert im Blut und ein aus dem Gleichgewicht geratener Säure-Basen-Haushalt. In die Notaufnahme kam der Mann mit Halluzinationen und Paranoia. Erst nach eingehender Untersuchung fand das medizinische Personal die Spur zum Natriumbromid. Mit einer Kochsalzinfusion und Diurese konnte der Patient stabilisiert werden. Und die Fachliteratur war um einen Lehrfall reicher.
KI-Selbstmedikation – keine gute Idee
Auch die internationalen Medien stürzten sich auf den Fall. „Mann erkrankte an Psychose aus 19. Jahrhundert“, titelte etwa „Der Standard“ am 10. August 2025. Denn was diese Episode so bemerkenswert machte, war weniger der toxikologische Befund als sein Auslöser: die Selbstmedikation nach einem Rat von ChatGPT. Das Forschungsteam in Washington DC, das den Fall in einer Studie dokumentierte, spricht von einem „selbstverschuldeten negativen Effekt“, verursacht durch die unkritische Nutzung der KI*. Zwar hatte ChatGPT möglicherweise fachlich korrekt geantwortet – nicht aber im klinischen Kontext. Ein Mensch mit medizinischer oder pharmazeutischer Ausbildung hätte auf die Frage nach dem Salz-Ersatz gefragt: Wofür? Doch der künstlichen Intelligenz war der Kontext egal.
Apotheker*innen als Gatekeeper
Unterm Strich zeigt diese Episode, warum Apotheker*innen in einer Welt voller KI-Ratschläge wichtiger sind denn je. Sie sind der „human in the loop“, jene Kontrollinstanz, die dort, wo eine KI die chemische Formel sieht, den Menschen wahrnimmt. Ihnen geht es ums Gesamtbild: Sie sehen den Körper, bedenken mögliche Wechselwirkungen und nehmen ihre Verantwortung für das Gegenüber ernst.
*Quelle: Studie: www.acpjournals.org/doi/10.7326/aimcc.2024.1260
„In Österreich greifen Tierärzt*innen bei der Behandlung epileptischer Anfälle – etwa bei Hunden – mitunter auf Kalium- oder Natriumbromid zurück.“