Auf Nummer sicher

KONTROLLE IST BESSER. Ob im Lager, in der Logistik oder an der Tara: Apotheken verfügen über viele Sicherheitsmechanismen, die Patient*innen schützen sollen. Drei Experten denken aber auch an sicherheitsrelevante Bereiche, die überraschen.

TEXT: JOSEF PUSCHITZ |  ILLUSTRATIONEN: BLAGOVESTA BAKARDJIEVA

Fehler können immer und überall passieren. Auch bei der Medikamentenabgabe, wenngleich auch die Sicherheitsvorkehrungen, die das verhindern sollen, auf höchstem technischen Stand sind. Apothekenroboter sorgen dafür, dass wirklich nur das Medikament, das am Rezept steht, ausgegeben wird. Das AMVS-Prüfsystem stellt sicher, dass keine Fälschungen in Umlauf geraten können, und Arzneimittelverpackungen weisen einen Manipulationsschutz auf. Schlussendlich braucht es aber auch für die Menschen hinter der Tara Sicherheitsvorkehrungen. „In der Apotheke ist es gelebte Praxis, sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen abzusprechen, wenn Unklarheiten auftauchen. Bestmögliche Kommunikation bedeutet bestmögliche Kontrolle“, sagt Priv.-Doz. DDr. Philipp Saiko, der Präsident der Apothekerkammer Wien. Als selbstständiger Apotheker in Wien – er betreibt die Apotheke Trillerpark – schwört er auf das Vier-Augen-Prinzip bei der Medikamentenabgabe, das auf die Medizinalordnung Kaiser Friedrichs II. aus dem 13. Jahrhundert zurückgeht.

Auf anspruchsvollem Terrain zählt jede*r Einzelne. Ein gut eingespieltes Team mit erfahrener Bergführung meistert auch schwierige Passagen. So wird aus Unsicherheit ein gemeinsamer, sicherer Aufstieg – Schritt für Schritt.

„Bestmögliche Kommunikation bedeutet bestmögliche Kontrolle.“

SUPER-GAU CYBERANGRIFF
Was der gute Kaiser damals natürlich noch nicht voraussehen konnte, sind Gefahren für die Patientensicherheit, die im Internet lauern. Wie andere Betriebe auch sind Apotheken keinesfalls gefeit vor Cyberattacken – nicht zuletzt angesichts des steigenden Digitalisierungsgrads ein besonders vulnerables Feld: „Wenn sich das Computersystem oder der Lagerroboter aufhängen, sei es durch Zufall oder als Resultat eines Angriffs, ist das ein innerbetrieblicher Super-GAU“, sagt Saiko und plädiert für ein geschärftes Bewusstsein bei der IT-Sicherheit – Apotheken als Teil der kritischen Infrastruktur stünden besonders in der Pflicht, sich im Rahmen der EU-NIS2-Verordnung vor Cyberattacken zu schützen.

Im Rahmen der Versorgungssicherheit müsse aber in jedem Fall auf die wirtschaftliche Gesundheit des Geschäftsmodells Apotheke geachtet werden, unterstreicht Saiko. Ein Aspekt, der ihn dahingehend positiv stimme, sei das geplante Impfen durch Apotheker*innen.

Neben anderen pharmazeutischen Dienstleistungen wie PoC-Tests sieht Saiko in der Durchführung von Impfungen einen möglichen Zugewinn für die Apotheke: „Ich denke, es wird sich für uns auszahlen. Als Standesvertretung laufen wir schon seit Jahren für diese Möglichkeit. Wenn man sich die mittlerweile zahlreichen anderen Länder auf der ganzen Welt ansieht, die das Impfen in den Apotheken mitunter schon seit Jahrzehnten praktizieren, wird deutlich, dass dadurch auch unsere Durchimpfungsraten spürbar gehoben werden können.“

Geringere Wartezeiten und einen niederschwelligeren Zugang zur Impfung sieht Saiko als Vorteil für die Apotheke, um ein Kundensegment zu erreichen, das sich ansonsten nicht in die Verkaufsräume der Apotheken verirrt hätte. Mit über 3.000 Pharmazeut*innen, die bereits die Impf-Fortbildung besucht haben, sei das System bestens gerüstet, sollte es einen Ansturm geben – mit dem Saiko zumindest kurzfristig aber nicht rechnet.

„Die angestellten Kolleginnen und Kollegen brauchen neben fairen Arbeitsbedingungen die Chance, ihre Kompetenz wirksam im Gesundheitssystem einzubringen.“

SICHERER ARBEITSPLATZ
Mag. pharm. Raimund Podroschko, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer und Präsident des Verbandes Angestellter Apotheker Österreichs (VAAÖ), lenkt die Aufmerksamkeit auf einen oft übersehenen Aspekt der Versorgungssicherheit – optimale Rahmenbedingungen für die angestellten Apotheker*innen. Diese seien das „Rückgrat der Versorgung“, so Podroschko: „Deren zentrale Rolle für die Gesundheitsversorgung muss sich in fairen Arbeitsbedingungen und einer klaren beruflichen Perspektive widerspiegeln“, sagt Podroschko, der sich auch mehr Anerkennung für den Berufsstand wünscht. Angesichts der zahlreichen hinzugekommenen fachlichen Tätigkeiten steige der Druck auf das pharmazeutische Apothekenpersonal: „Wenn die Apothekerinnen und Apotheker Medikationsanalyse, PoC-Tests oder Impfungen durchführen sollen, muss auch die Sicherheit für alle Seiten gewährleistet sein: mit klaren Regeln, ausreichend Ressourcen, einer entsprechenden Honorierung
– für wirtschaftlich gesunde Betriebe als Voraussetzung – und einer Haftungs- und Dokumentationsbasis, die die Kolleginnen und Kollegen schützt.“

SCHUTZ FÜR DIE BESCHÄFTIGTEN

Auch Mag. pharm. Gerold Evanzin von der Palmen Apotheke in Wien, Vorstandsmitglied der Austrian Young Pharmacists (AYP), betont, wie wichtig eine gute haftungsrechtliche Absicherung nicht nur für den Betrieb, sondern auch für die Beschäftigten ist: Bei Zweifeln an einer Verschreibung – etwa bei ungewöhnlich hohen Dosierungen oder Arzneimitteln mit geringer therapeutischer Breite – sei die Rücksprache mit dem verschreibenden Arzt bzw. der Ärztin unbedingt geboten – und solle auch dokumentiert werden. „Das schafft im Haftungsfall Beweissicherheit“, sagt Evanzin. Apropos Haftungsfall: Die im Apothekengesetz vorgesehene Berufshaftpflichtversicherung schützt in Österreich in erster Linie den Apothekenbetrieb, nicht die einzelnen angestellten Apotheker*innen.

Wird der Weg unübersichtlich, geben Wegweiser Orientierung. Sie schaffen Struktur, machen Optionen sichtbar und bilden die Grundlage dafür, gut informiert den passenden Pfad zu wählen.

Ob es um den Schutz vor Cyberattacken, ein förderliches Arbeitsumfeld oder die Absicherung bei Haftungsfragen geht: Die vielfältigen Maßnahmen, die in der Apotheke auf vielen Ebenen notwendig sind, haben schlussendlich eines zum Ziel: alle Beteiligten – Betriebe, Mitarbeiter*innen und Kund*innen – bestmöglich zu schützen. Und auch in Zukunft die gewohnt qualitätsvolle Versorgung in einem sicheren Rahmen zu gewährleisten.

„Die Berufshaftpflichtversicherung schützt in erster Linie die Apotheke, nicht die einzelnen angestellten Apothekerinnen und Apotheker.“