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„Die Dermatologie ist zum Innovationsfeld geworden“

VIELVERSPRECHEND. Neue dermatologische Arzneien erweisen sich als hochwirksam und zeigen auch für andere Bereiche Potenzial. Im Interview spricht Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz über den Weg dorthin, aktuelle Entwicklungen und Aussichten.

Text: Greta Lun

Wie innovativ ist die Dermatologie?
Die Behandlung von chronisch entzündlichen Hauterkrankungen wie Psoriasis und atopischer Dermatitis, früher Neurodermitis genannt, war über Jahrzehnte sehr konservativ. Dermatologinnen und Dermatologen hatten nur eine Wirkstoffklasse, nämlich Glukokortikoide. Da gab es nicht viel mehr! In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir das Organ Haut in seiner Pathophysiologie und seinem Immungeschehen deutlich besser verstehen gelernt. Es ist gelungen, Zielstrukturen zu identifizieren, auf die neue Arzneimittel ausgerichtet werden können. Die Dermatologie ist zum Innovationsfeld geworden, das auch Entwicklungen in anderen Bereichen nach sich zieht. Es kommt nicht von ungefähr, dass die heute sehr erfolgreichen Immuntherapeutika bei Krebs zunächst vor allem bei Hautkrebs eingesetzt wurden.

Wie kam der Stein ins Rollen?
Zu einem ersten Durchbruch kam es Anfang der 2000er-Jahre mit den sogenannten Calcineurin-Inhibitoren Tacrolimus und Pimecrolimus. Diese Immunsuppressiva kennen wir von Organtransplantationen, topisch angewandt beeinflussen sie die Immunsituation der Haut. Man sah sie als wertvolle Ergänzung zu den Kortikosteroiden, beides wird heute noch nach Leitlinie eingesetzt. 2017 kam es zu einem weiteren Meilenstein, als ein monoklonaler Antikörper in die Therapie eingeführt wurde: Dupilumab mit dem Produktnamen Dupixent. Das war ein Paradigmenwechsel in der Behandlung der atopischen Dermatitis, der nur möglich war, weil man die Pathologie der Erkrankung besser verstanden hat.

Wie wirkt dieser monoklonale Antikörper?

Dupilumab richtet sich gegen zwei wichtige Interleukine, die als Entzündungsmediatoren bei atopischer Dermatitis eine zentrale Rolle spielen, nämlich Interleukin 13 und Interleukin 4. Dabei schaltet der monoklonale Antikörper nicht die Interleukine selbst, sondern die Rezeptoren aus, an die sie binden. Die Wirkung ist sensationell, insbesondere schwere Fälle konnte man seitdem effektiv behandeln, noch dazu bei sehr guter Verträglichkeit. Bei atopischer Dermatitis geht es im Wesentlichen um die Entzündung und das Jucken. Wenn man Interleukin 13 und 4 ausschaltet, kriegt man beides in den Griff. Die Anwendung, auch von den Nachfolgesubstanzen, ist mittlerweile Standard und in den Leitlinien aufgeführt.

Sie haben von Immunsuppressiva gesprochen. Fahren die genannten Substanzen das Immunsystem zurück, sodass man weniger geschützt ist?
Danke für die Frage! Nein, sie blockieren die überschießende Immunsituation der Haut und schützen sogar insofern, als dass sie die Hautbarrierefunktion wieder normalisieren. Die Haut brauchen wir, um Erreger von außen fernzuhalten.

Wir haben über atopische Dermatitis gesprochen. Wie ist die Lage bei der Behandlung von Psoriasis?
Was sich bei Psoriasis abgespielt hat, war mindestens genauso toll. Eine stark ausgeprägte Psoriasis ist für Betroffene eine Katastrophe – sie haben das Gefühl, ihre Haut zu verlieren. Die schweren Symptome gehen mit einer sozialen Stigmatisierung, einer stark reduzierten Lebensqualität und Begleiterkrankungen einher. Beispielsweise bekommen 25 Prozent der Betroffenen eine Psoriasis-Arthritis, die Schmerzen in den Gelenken verursacht. Der Psoriasis-Schweregrad wird über den PASI-Index ermittelt. PASI 100 bedeutet, ich reduziere die Erkrankung auf null – und das geht heute! Die monoklonalen Antikörper sind so wirksam, dass die Psoriasis komplett zum Erliegen kommt, nicht bei allen, aber bei sehr vielen Menschen.

Kann die Erkrankung wieder auftreten?
Ja, das kann sie. In der ärztlichen Praxis wird so vorgegangen: Erst kommt die medikamentöse Keule, weil die Person ja dringend Hilfe braucht, dann wird das Hautgeschehen beobachtet, die Dosis reduziert oder ein Auslassversuch unternommen. Treten erneut Symptome auf, wird wieder interveniert. Jedenfalls sehen wir mit den Biologicals, zu denen auch die monoklonalen Antikörper gehören, sensationelle Erfolge.

Gibt es auch Vorbehalte gegen Biologicals?

Ja, aber angesichts der Schwere ihrer Symptome nicht vonseiten der Patientinnen und Patienten. Biologicals standen bei atopischer Dermatitis und Psoriasis im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Heute wissen wir, dass es darauf überhaupt keine Hinweise gibt.

Bahnbrechend ist, dass die Medikamente systemisch im Körper wirken. Sehen Sie Potenzial für andere Anwendungsbereiche? 
Ja, das Potenzial ist riesig, und es gibt auch Medikamente, bei denen eine Zulassung zu erwarten ist. Ein Beispiel: Heute ist Teersalbe noch immer in den Leitlinien – wie kann das sein, wo Teer doch krebserregende Stoffe enthält? Teer hilft nachweislich bei chronisch entzündlichen Hauterkrankungen, und der Grund wurde entdeckt: Ein Rezeptor in der Haut wird von im Teer enthaltenen Substanzen aktiviert und das führt zu einer antientzündlichen Wirkung. Eine neue Substanz, Tapinarof, dockt genau an diesem Rezeptor an. Sie wurde vor wenigen Monaten in den USA für die topische Behandlung von atopischer Dermatitis zugelassen. Es passiert also viel, wir werden noch einige Neuerungen erleben.

Was bedeuten die neuen therapeutischen Möglichkeiten für die Apotheken?

In erster Linie, dass der Beratungsbedarf steigt, denn diese Arzneimittel sind erklärungsbedürftig, und Ärztinnen und Ärzte haben oft wenig Zeit. Fortbildung ist also unverzichtbar. Apothekerinnen und Apotheker tun den Betroffenen wirklich etwas Gutes, wenn sie sie – insbesondere bei der ersten Abgabe – umfassend beraten.

„Die monoklonalen Antikörper sind so wirksam, dass die Psoriasis komplett zum Erliegen kommt, nicht bei allen, aber bei sehr vielen Menschen.“
Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz

Zur Person: Prof. Dr. rer. Nat. Manfred Schubert-Zsilavecz
ist Pharmazeut und Wissenschaftler im Bereich der pharmazeutischen Chemie. Er ist ordentlicher Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL). Er ist auch Schirmherr des Pharmazieforums, das Ende Jänner 2024 im Schloss Pichlarn (Steiermark) über die Bühne ging. Diese hochkarätige Fortbildungsveranstaltung für Pharmazeut*innen veranstaltet die Herba gemeinsam mit der Frankfurter Goethe-Universität.

Foto: shutterstock.com/IIIRusya