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Gesellschaftliche Auswirkungen der Pandemie

Wir sprechen in unserer neuen Podcast-Folge mit Professor Dr. Markus Hengstschläger über die sozialen Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft.

Prof. Hengstschläger studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor. Er leitet den Think Tank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, war 10 Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und ist Universitätsrat der Linzer Johannes-Kepler-Universität. 

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Sie lesen lieber? Kein Problem, dann können Sie das Interview hier auch nachlesen:
Sie sprechen in Ihrem neuesten Buch von dem Begriff “Lösungsbegabung”. Was verstehen Sie genau darunter und welchen Einfluss hat diese Lösungsbegabung auf unseren Umgang mit der Pandemie?

Begabungen sind grundsätzlich nur Potenziale. Bei diesen Potenzialen oder den Anlagen, was wir daraus machen können, spielen Gene eine Rolle. Diese spielen aber beispielsweise auch eine große Rolle bei der frühkindlichen Prägung. Doch diese Anlagen und diese Potenziale müssen genutzt werden. Dann können sie, wenn man durch die entsprechende Wissensarbeit damit trainiert, in Leistungen umgesetzt werden.

Es ist bekannt, dass es musikalische Begabung gibt, räumliche Begabungen, logisch mathematische Begabung und so weiter. Wenn man eine musikalische Begabung hat, aber keine Noten lernt, kein Instrument lernt, dann ist das keine Leistung. Also im Grunde kommt es darauf an, was man daraus macht. Nun habe ich bei dem Begriff Lösungsbegabung (im Wesentlichen) nur hinzugefügt, dass es auch etwas gibt, was der Homosapiens ganz offensichtlich hat – nämlich eine Begabung, Herausforderungen zu meistern und Probleme zu lösen. Auch da glaube ich, dass es dafür genetische Veranlagung gibt und es ist nicht bei jedem ganz gleich, aber grundsätzlich hat jeder Mensch Möglichkeiten, die von der Kindheit an gefördert werden sollten. Durch bestimmte Maßnahmen und durch bestimmte Prozesse können Ausbildung und Bildung entwickelt werden und dadurch zum Blühen gebracht und ein Leben lang erhalten werden. 

Ich halte die Lösungsbegabung aktuell, in den Zeiten, in denen wir leben, für die wahrscheinlich relevanteste Begabung, wenn es darum geht, zu neuen Ideen/ zu innovativen kreativen Ansätzen zu kommen. Um es so zu sagen, die meisten Begabungen, die wir haben (wenn wir sie nicht mit Lösungsbegabung kombinieren) führen nicht zu etwas Neuem. 

Welche Rolle spielt jetzt diese Lösungsbegabung in der Pandemie? Wir müssen uns bewusst sein, dass wir verschiedene Aspekte der Zukunft zu meistern haben. Wir haben tagtäglich im Privat- und Berufsleben vorhersehbare Dinge, die auf uns zukommen, wo wir vielleicht sogar schon Lösungen haben, und diese dann auch anwenden. Selbstverständlich braucht es auch dafür eine gewisse Lösungsbegabung, denn dadurch können wir uns bei den vorhersehbaren Dingen verbessern oder sogar neue Lösungen finden. Doch Lösungsbegabung ist besonders dann gefragt, wenn etwas Unvorhersehbares auf uns zukommt. 

Vorhersehbares und Unvorhersehbares

Im Zusammenhang mit der Pandemie müssen wir uns fragen, wo wir uns aktuell befinden. Diese ist ein gutes Beispiel für die Dualität zwischen Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Nassim Taleb, der Finanzmathematiker, der als Beispiel für Vorhersagbares schwarze Schwäne (als unvorhersehbare Dinge) und weiße Schwäne (als vorhersehbare Dinge) bezeichnet, würde nicht zustimmen, dass eine Pandemie ein schwarzer Schwan ist. Pandemien waren immer Begleiter der Menschheit. Die hat es immer gegeben und es wird sie immer geben. Viele Staaten dieser Welt hatten bereits Pandemiepläne in ihrem Land. Aber unvorhersehbar bleibt, welche Erreger wann in welchem Ausmaß die Menschheit trifft. Das zeigt, dass man sich zwar für einen Teil der Zukunft immer wieder vorbereiten kann, aber ein andere Teil dann doch nicht vorhersehbar ist. Sieht man sich die Pandemie oder andere große globale Herausforderungen im Zusammenhang mit der Lösungsbegabung an, so glaube ich, muss man eine kollektive Lösungsbegabung einfordern.  Das bedeutet, dass alle Individuen als Akteure, zusammenarbeiten müssen, um gemeinsam eine kollektive Lösungsbegabung zu entwickeln. Klimawandel, Flüchtlingskrise, Rassismus, Terrorismus, Populismus (usw.) und ganz besonders eine Pandemie, bedarf solch einer kollektiven Lösungsbegabung. 

Kann man Menschen, die sich an Verordnungen im Zusammenhang mit der Pandemie halten, eine “unterentwickelte Lösungsbegabung” attestieren?

Gehen wir an den Anfang zurück, nämlich stellt man sich der Frage „wie macht man das überhaupt, dass man sich entwickelt?“ So kommt man zu dem Punkt „was bedeutet es, wenn man sich an so Regeln hält oder nicht?“ Man muss die Lösungsbegabung vom Kleinkindalter an fördern. Wie leben aktuell in einer Gesellschaft, in der Lösungsprozesse oft von Eltern, Lehrer*innen, Vorbildern, Freund*innen oder anderen Menschen abgenommen werden. 

Wenn man Menschen Lösungsprozesse abnimmt, dann kann diese Person das Lösen nicht üben. Das bedeutet Folgendes, wenn man die Chance bekommt, sich Zeit zu nehmen, um sich Gedanken zu machen und Lösungen selbst vorzuschlagen, so lernt man auch, welche Fehler man dabei macht und man lernt zu hinterfragen, ob die Lösungen auch in der Praxis anwendbar sind. Übt man das sein Leben lang, dann entwickelt sich dabei das coolste Gefühl überhaupt, nämlich hin und wieder kommt man selbst individuell zur Lösung! Dann kann das Kind sagen, das habe ICH jetzt gelöst und die Eltern können sagen, dass es am Anfang eine Herausforderung war, aber es hat eine Lösung gefunden. Dieses „coolste“ Gefühl ist – aus meiner Sicht – zur Persönlichkeitsentwicklung existentiell beitragend und ist die Voraussetzung jenes Selbstvertrauen zu haben, zu sagen, ich kann Lösung herbeiführen und ich kann bei Lösungen mitmachen und beitragen. Das heißt, wenn wir wollen, dass wir in einem Land leben oder überhaupt auf einem Planeten leben, wo Lösungen zu finden, nicht gleich ein Problem sind, sondern im Gegenteil, wo Lösungen eigentlich gewünscht sind, dann müssen wir dieses Gefühl und diese Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen. 

Übrigens auch in Unternehmen sollte es nicht das grundliegende Ziel von der Führungsarbeit sein zu sagen: ich nehme einem/r Mitarbeiter*in den Lösungsprozess ab, sondern den zu ermöglichen und zu fördern. 

Wie man Lösungsbegabung entwickelt und entfaltet, ist ein großes Thema der Bildung und Ausbildung. Ich definiere in meinem Buch die Lösungsbegabung zwei Typen von Bildung und zwei Typen von Wissen. Das eine ist die „gerichtete Bildung“, das „gerichtete Wissen“ und das andere ist „ungerichtete Bildung“ und „ungerichtetes Wissen“. 

Gerichtetes Wissen

Was verstehe ich unter „gerichtet“ und „ungerichtet“? Wenn wir ein Problem haben und dazu bereits zielgerichtetes Wissen wie die Lösung sein könnte, oder wir kennen die Lösung schon, dann ist das ein zielgerichteter Prozess, diese Lösung für dieses Problem auch anzuwenden. Dinge, die wir wissen, die wenden wir an. Ich sage das auch deshalb, weil ich als Wissenschaftler die Hoffnung habe, dieses Wissen – solange nicht anders bewiesen – in der nächsten Generation als Basis der Weiterentwicklung dient, sonst haben wir keinen Fortschritt und es wird in jeder Generation das Rad neu erfunden. Dieses gerichtete oder Faktenwissen, was wir schon wissen oder welche Lösung wir schon haben, müssen wir durch „gerichtete Bildung“ von einer Generation in die nächste weitergeben. 

Ich glaube, dass wir in Österreich gut sind und ich glaube auch, dass da Europa allgemein gut ist. Wir sind gut aufgestellt. Doch kommen wir zum Begriff Wissen. Ich schreibe auch über den Unterschied zwischen Dateninformation und Wissen, aber das ist eine andere Diskussion. Ich glaube nicht, dass wir in einer primären Wissensgesellschaft leben, bzw. das Wissen bei uns so stark zunimmt, aber dass Daten und Informationen im Verhältnis wesentlich mehr werden.

Ungerichtetes Wissen

Zum „ungerichteten Wissen“ möchte ich sagen, dass ich glaube, wenn man neue Lösungen für unvorhersehbare Probleme finden würde, dann braucht man auch so was wie „ungerichtete“ Kompetenzen. Die zielen nicht auf die eine Sache ab, sind aber in Kombination mit dem „gerichteten“ Wissen unverzichtbar, um neue Wege gehen zu können, zum Beispiel bei kritischem Denken, Kreativität, sozialer Kompetenz, emotionaler Intelligenz, intro- und intrapersonelle Intelligenz, Resilienz, Ethik und vieles mehr. 

Innovation leader

Auf der einen Seite glaube ich, dass wir mit „gerichteter“ Bildung ganz gut aufgestellt sind, aber auf der anderen Seite, bin ich nicht von derselben Überzeugung, wenn es um „ungerichtete“ Bildung geht. Hier ist viel Luft nach oben! Wir müssen es schaffen, dass wir Menschen dazu bringen zu sagen „ich will Lösungen zu etwas Neuem ausprobieren, ich will kritisch sein, ich will kreativ sein, ich will das in Teams tun und ausprobieren und dieses Neuland betreten!“ Da ist dann die zweite große Komponente, wo ich finde, dass in Unternehmen und in der Bildung, von der Elementarpädagogik bis an die Universitäten und Fachhochschulen, überall noch Luft nach oben ist. Wir müssen unseren Fokus darauf richten ein „innovation leader“-Land zu werden. Ein Land welches mit den Menschen gerne Neuland betritt.

Die nächste Frage ist, wie hält man das ein Leben lang aktiv? Beispielsweise hat man eine gewisse Erfahrung gemacht und auch schon Lösungen gefunden und was beigetragen, aber wie lege ich das jetzt im Alltag um? Wie mache ich das in meinem Privatleben und in meinem Berufsleben? Wir müssen ständig Lösungen finden oder Lösungen anbieten. Da gibt es unzählig viele Modelle, ein paar kann ich nennen, aber ich glaube, das würde bei diesem Gespräch den Rahmen sprengen.

Das Verständnis von Freiheit

Sie haben das das Verständnis von Freiheit angesprochen, auf dieses relevante Verhältnis möchte ich noch gerne eingehen. Die Theorien sagen, wenn man neue kreative Wege gehen will, dann muss man die alten Wege verlassen, dann muss man völlig frei sein, um „tun und lassen“ zu können, was man will (usw.) Immanuel Kant sagt: „die Freiheit des Einen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Um es auf die Lösungsbegabung umzulegen, bedeutet das, dass Freiheit nicht ist, dass man tun und lassen kann was man will, sondern, dass wir autonom selbstbestimmt unsere Freiheit mit unserem Tun erfüllen. Das heißt, die Antwort auf Ihre konkrete Frage ist, es gibt eine „Freiheit VON etwas“ und „eine Freiheit ZU etwas“. Die Freiheit von etwas bedeutet, ich bin frei von äußeren Zwängen oder von Regeln, was diesen Punkt anbelangt. „Was darf ich?“ ist eine Frage, die oftmals ethisch gesehen wird. Doch „was darf ich?“ aus ethischer Sicht steht im Spannungsfeld zu „was darf ich?“ aus juristischer Sicht. Des Weiteren gibt es „was soll ich?“ oder „was mache ich jetzt damit?“ und damit setze ich die „Freiheit VON etwas“ in Relation zur „Freiheit ZU etwas“. In der Lösungsbegabung sage ich also, man soll die „Freiheit VON etwas“ mit der „Freiheit ZU etwas“ füllen. 

Ich finde, wir sollten generell kritisch sein, überlegen und denken. Das heißt, wenn wir sicher sind, dass der Beitrag, Regeln einzuhalten, zum kollektiven Lösungsprozess beiträgt (wo ich mir in vielen Bereichen ganz sicher bin), dann ist es gut so/ richtig so, diese Regeln zu befolgen. Das heißt nicht automatisch, dass der lösungsbegabte Homosapiens einfach Regeln bekommt und sich an die einfach hält, ohne sie zu hinterfragen (etc.). Es ist wichtig zu erkennen, dass eine Komponente das richtige Verhältnis und auch den richtigen Nutzen für die Freiheit erzielt. 

Wir können heute eine Teilung der Gesellschaft in diejenigen, die sich an alle Maßnahmen halten und diejenigen, die Gegner oder sogar Verleugner der Pandemie sind, deutlich erkennen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung als Genetiker und Humanethiker?

Also zum einen muss man sagen, dass es ein ganz logischer Prozess ist, den man sich aber immer wieder vor Augen führen und an den man sich erinnern muss. Umso länger so ein globales Ereignis wie diese Sars-CoV-2-Pandemie dauert, umso schwieriger ist es, gesellschaftlich Maßnahmen zu handhaben. Denn am Anfang der Pandemie trifft die Pandemie bei allen Menschen auf sehr ähnliche Voraussetzungen: plötzlich gibt es eine offensichtlich neue Infektionserkrankung, da machen wir jetzt einen Lockdown, dann schauen wir mal, hoffentlich geht das wieder vorbei. Das hat uns alle irgendwie gleich betroffen und wir waren uns über ein relativ homogenes reaktives Konzept gegenüber dieser Situation einig. Mit jedem Tag, an dem diese Pandemie weiter andauert, sind zwei Dinge in den Vordergrund gerückt.

Spaltungseffekt

Das eine ist der Spaltungseffekt. Das bedeutet, der Virus spaltet immer wieder an verschiedenen Stellen – übrigens nicht nur dieses Virus – das machen viele Prozesse mit uns, nämlich: die jungen Menschen und die alten Menschen, die vulnerablen und die nicht vulnerablen Gruppen, jene die es wirtschaftlich nicht trifft aufgrund ihrer beruflichen Situation und jene, die es wirtschaftlich extrem trifft, jene die mehr Homeoffice machen können und jene, deren berufliche Bedingung es überhaupt nicht zulässt, zu Hause am Computer zu arbeiten, jene die das Virus bereits gehabt haben und damit einen Immunstatus aufgebaut haben und sich jetzt fragen „wieso muss ich genau die gleichen Regeln einhalten, wie die, die es noch nicht gehabt haben?“ zu jenen die es noch nicht gehabt haben. Es ist daher keineswegs verwunderlich, dass die Situation jetzt anders ist als zu Beginn der Pandemie, da wir nicht mehr alle vor der gleichen Voraussetzung stehen. Wir müssen nun lernen, damit umzugehen, dass sich die Situation nicht einfach auflöst. Wir müssen uns mit dieser Polarisierung und mit dieser Spaltung auseinandersetzen.

Negativity bias

Das Zweite, womit wir uns auseinandersetzen müssen, ist, dass die Verzerrungsmomente zunehmen. Den Homosapiens gibt es in dieser Form bereits seit dreihunderttausend Jahren auf diesem Planeten. Seine Evolution hat ihm einiges mitgegeben und in sich biologisch verankert, was durchaus zu anderen Umständen oder unter anderen Umständen Sinn macht. Ein Verzerrungsmoment, das den Menschen begleitet, nennt man „negativity bias“. Das steht dafür, dass der Mensch grundsätzlich als Ergebnis seiner Entwicklung „dem Bösen“, „dem Schlechten“, „der Katastrophe“ immer automatisch mehr Bedeutung beimisst als „dem Guten“. Warum tut man das? Das macht man deshalb, weil es für das Überleben existenziell war „fight or flight“, also kämpfen oder weglaufen. Man muss schnell wissen, ist hier eine Bedrohung und wenn ja, dann muss man darauf reagieren. Daher muss man zuerst wissen, wo überhaupt die Bedrohung ist, woher sie kommen könne, oder wo die Katastrophe herkommt. Denn ich muss auf gute Dinge wesentlich weniger reagieren oder zumindest nicht in dieser Geschwindigkeit. Das heißt, wir alle steigen ins Flugzeug ein, es wackelt und das erste Gefühl, das wir haben ist, wir stürzen ab und nicht, fliegen ist eine der sichersten Fortbewegungsmethoden der Welt. Dieser „negativity bias“ führt auch dazu, dass viele Konzepte, mit denen wir tagtäglich in der Pandemie zu tun haben, genau das ausnutzen. Im Wesentlichen spreche ich hier Nachrichtenmedien an: „only bad news are good news“. Es ist wesentlich spektakulärer, eine richtige schlechte Nachricht zu transportieren und diese dann alle paar Sekunden auf dem Handy aufpoppen zu lassen, denn das, was ich verkaufen will (die Nachrichten), zielen auf die Aufmerksamkeit meiner Kund*innen ab. Da wird der „negativity bias“ ausgenutzt. Ein Effekt einer Pandemie ist, dass man lernen muss, selektiv mit diesen Dingen umzugehen. Außerdem möchte ich erwähnen, dass diese „Verzerrung“ etwas ist, dass der Mensch schon immer hatte, dann wird vielleicht verständlicher, warum es nicht leichter wird.  

Availability bias

Eine andere Art der Verzerrung nennt man den „availability bias“, diese kann ich ungefähr so beschreiben, dass man sagt, wenn der Mensch ein Beispiel für etwas kennt, hält er das für wesentlich wahrscheinlicher als es wahrscheinlich wirklich ist. Sagt jemand beispielsweise in einer Diskussion: „ich kenne eine/n, dem/der ist das passiert“, so ist die Runde schon alarmiert, und zwar mit dem Gedanken, „wenn der oder die jetzt schon einen kennt, so unwahrscheinlich kann es dann auch wieder nicht sein.“ Das ist eben der „availability bias“. Warum ist das relevant geworden? Weil die Pandemie auf uns zugekommen ist und das zu einer ganz besonderen Zeit, nämlich in der Zeit der digitalen Transformation. Die spielt für den „availability bias“ eine enorme Rolle: früher war es nicht so einfach, ein Beispiel für eine „abstruse“ Theorie zu finden, da musste man zur richtigen Zeit am richtigen Lagerfeuer sitzen oder am richtigen Stammtisch. Heute brauchen Sie nur ihren Computer aufdrehen und Sie werden für alles irgendwo „gefühlte Mehrheiten“ bilden können. Dadurch sieht man, dass dieser „availability bias“ gegenüber dem „factfulness“ steht, nämlich der Tatsache, dass wir uns eigentlich an die Fakten halten sollten. Der vernunftbegabte, lösungsorientiere Mensch, der sich an Fakten orientiert, um seine Abwägungen zu tätigen, sieht sich plötzlich Beispielen von „ja, aber ich kenn da jemanden“ gegenübergestellt. Verfolgt man beispielsweise Podiumsdiskussionen im Fernsehen, so beginnen sie zumeist, dass jemand sagt „das ist die Wahrscheinlichkeit“ und entgegnetet wird „jetzt erzähle ich Ihnen aber mal einen Fall von meiner Nachbarin/ von einem Freund…“, hier haben wir also genau so einen Fall. Um das alles zu bewältigen, hilft es, sich mit den biologischen Grundlagen des Menschen zu beschäftigen, denn ist man sich dessen bewusst, kann man mit Verzerrungen anders umgehen.  

Kann man unterscheiden, wie Menschen mit dieser Situation umgehen? Z.B.: Gehen Individuen, die bereits schwere Schicksalsschläge, oder mehr Lebenserfahrung haben, anders mit dieser Ausnahmesituation um?

Ich bin kein Arzt, ich bin kein Epidemiologe, ich bin auch kein Genetiker, der auf Viren forscht und vor allem bin ich auch kein Psychologe, das heißt, die Antwort kann ich Ihnen nur aus meiner persönlichen Interpretation der Dinge geben. Wenn es um Lösungsbegabung geht, kann ich Ihnen einen Aspekt nennen, doch natürlich gibt es auch noch andere Aspekte, die dabei eine Rolle spielen können. So könnte man beispielweise fragen, ob die Genetik eine Rolle spielt, wie Menschen mit solchen Extremsituationen umgehen. Ich kann Ihnen dazu sagen, dass ich persönlich, wenn es um solche kollektiven Lösungsbegabungen oder Prozesse geht, ein Bild von drei Gruppen habe, wohlwissend, dass es mehr Gruppen gibt, dass es alle Übergänge gibt und dass wir uns wahrscheinlich unter verschiedenen Umständen verschieden verhalten. 

Blauäugige Optimisten

Die erste Gruppe von Menschen nenne ich die „blauäugigen Optimisten“. Diese verhalten sich in solchen Situationen so, dass sie sagen „das geht sich schon aus. Es ist sich immer ausgegangen, also wird es sich auch diesmal wieder ausgehen. Es ist sich immer ohne meinen Beitrag ausgegangen, also brauch ich auch jetzt nichts tun. Ich mach da gar nichts, das sollen die jetzt einmal machen.“ Mit „die“ meinen die blauäugigen Optimisten immer „die anderen“. Ob das jetzt die Politik ist oder zur Zeit besonders gefordert, die Wissenschaft, die sich etwas einfallen lassen soll, ist unterschiedlich. Sobald denen etwas eingefallen ist, ist das Thema wieder vom Tisch. Diese Gruppe befindet sich in der „Mitmach“-Krise (= warum man nicht mitmachen möchte), weil sie nicht mitmachen, mit dem Gedanken/ dem Gefühl „ohne meinen Beitrag, wird’s auch gehen“. 

Eingefleischte Pessimisten

Es gibt eine zweite große Gruppe die „eingefleischten Pessimisten“.  Die kennen wir auch alle, die sagen immer wieder „das geht sich nicht mehr aus! Und wenn es sich diesmal noch einmal ausgeht, so geht es sich das nächste Mal bestimmt nicht mehr aus! Da ändert jetzt mein Beitrag auch nichts mehr, daher trage ich auch nichts bei. Denn was soll das bringen? Das Ganze ist ja sowieso schon sinnlos.“ Das ist wieder eine Argumentation für die „Mitmach“-Krise, in der man sich befinden kann. Auffallend ist bei den „eingefleischten Pessimisten“, dass sie für ihre Argumentation meistens mein Fach benutzen, sie sagen nämlich: „der Mensch ist genetisch/ biologisch im Grunde schlecht. Das ist der Grund für das Ganze!“ Das begründen sie so, dass die darwinsche Evolution des Menschen in Wirklichkeit zu einer Selektion geführt hat, sodass nur der Machtgierigste/der Stärkste/der Selbstsüchtigste/Xenophobe am Ende überlebt hat. „Survial of the fittest“ in einer besonderen Interpretation. Dem muss man entgegenhalten, dass dies einfach nicht so ist. Der Mensch ist nicht „survial of the fittest“ in dieser Interpretation, sondern man spricht in der Evolution auch gerne von „survial of the friendliest“. Denn der Mensch ist mit Abstand das sozialste Lebewesen auf dem Planeten Erde. Er ist das vernunftbegabteste und lösungsbegabteste Geschöpf. Er muss sich nur darauf besinnen. Klar ist, der Mensch ist weder im Grunde gut noch schlecht. Er ist das Produkt der Wechselwirkung aus Genetik, Umwelt und Epigenetik. Das bedeutet, wir haben sehr vieles selbst in unserer Hand bei dem Thema und wir haben dadurch Chance aber auch Verantwortung. 

Ermöglicher/ Possibilisten

Sie merken, ich spitze mich zu auf die dritte Gruppe, sie ist es, die der „Mitmach“-Krise trotzen und diese Gruppe ist es, die wir in einer Pandemie oder in globalen Herausforderungen brauchen.

Diese Gruppe nenne ich die „Ermöglicher“ oder „Possibilisten“ und sie sagen folgendes „das ist gerade nicht einfach. Das ist eine schwierige Zeit. Aber einfach oder leicht war es in der Geschichte der Menschheit eigentlich selten. Wenn ich meinen Beitrag leiste, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier zu einer Lösung kommen.“ Der „Ermöglicher“ als Akteur sagt, „umso mehr ich beitrage, umso wahrscheinlicher ist die Lösung. Ich trage daher auch bei, ich bringe mich da ein. Ich trotze dieser „Mitmach“-Krise!“  

Was man im letzten Jahr sehr schön sehen konnte, ist, dass wir in einer Zeit leben, wo man von den unglaublichsten technologischen Entwicklungen permanent spricht, von künstlichen Intelligenzen, von Gentechnologie, von „predictive analytics“, „big data“-Algorithmen, von der digitalen Transformation, aber das einzig wirklich wahre Mittel am Anfang der Pandemie war das Individuum, nur so konnten wir ihr trotzen: Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen und in die Armbeuge niesen. Es war der individuelle Beitrag beispielsweise, um den vulnerablen Gruppen zu helfen. Da sieht man, wenn der Beitrag von vielen Individuen geleistet wird, dann kriegt man es hin.  

Sie sagen, der Mensch ist ein soziales Wesen, das passt gut zu meiner Nächsten Frage: “Social distancing” ist zu einem der meistverwendeten Begriffe des vergangenen Jahres mutiert. Vielfach wird vor einer sozialen Vereinsamung oder dem sozialen Rückzug gewarnt. Wie sehen Sie diese Situation. Wird es zu einer nachhaltigen Veränderung in der Gesellschaft kommen?  

Es wurde schon öfter erwähnt, dass wir eher vom „physical distancing“ reden, also dem, dass wir uns zurzeit nicht physisch treffen können, denn wir können uns schon treffen. Sonst könnten wir jetzt auch nicht miteinander reden. Das heißt, es gibt eine soziale Interaktion, aber eben auf einer anderen Ebene.

In Bezug auf mein Buch „Die Lösungsbegabung“ stellt sich die Frage „wie wirkt sich das aus?“ Sie stellen zudem die Fragen „was wird bleiben? Was wird sich grundsätzlich verändern?“ 

Zu Beginn möchte ich sagen, dass ich momentan der Pandemie noch nicht viel Gutes abgewinnen kann. Mir ist bewusst, dass da schon einige weiter sind und ich mich noch immer mit den negativen Seiten beschäftige, wohlwissend, dass mit der Zeit die Frage kommen wird „was war das Vorteilhafte?“ oder „vielleicht hat das Ganze auch die ein oder anderen Vorteile gehabt oder es hatte positive Effekte“.  

Eines sehen wir schon und das ist, dass die digitale Transformation einen enormen Schub bekommen hat und dass unser soziales Leben dadurch ganz neue Komponenten bekommen hat. Die hat es zwar schon lange davor geben, diese haben wir aber so nicht genutzt. Ich „distance“-unterrichte jetzt beispielsweise an der Universität. Man kann im Homeoffice arbeiten, man kauft jetzt öfter im Internet ein. Was wäre passiert, wenn die Pandemie auf uns getroffen wäre, wo wir das alles noch nicht hätten machen können? Das hätte ganz andere Auswirkungen gehabt. 

Medici-Effekt

Die wichtige Frage, die Sie gestellt haben, ist, „wie geht es jetzt weiter und was macht das mit uns?“ Es gibt etwas, das man gerne den Medici-Effekt nennt. Dieser ist benannt nach einer florentinischen Familie, den Medici, eine sehr reiche Unternehmerfamilie, die dafür bekannt geworden ist, dass sie im Florenz der damaligen Zeit, Schnittflächen und Schnittstellen zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Menschen verschiedenes Fachwissen, Fachrichtungen und Interessen, (auch finanziell) ermöglicht haben. Wissenschaftler*innen mit Künstler*innen, Handwerker*innen mit Politiker*innen und so weiter, die sich miteinander getroffen haben. Der Medici-Effekt steht für die dadurch entstandenen neuen Wege, Inspirationen, Geistesblitze, spannende Diskussionen. Diese fanden an Schnittflächen wie diesen, viel wahrscheinlicher statt, als wenn man „in seiner eigenen Suppe gekocht hat“. Der „Medici“-Effekt gilt als einer der Beflügler der italienischen Renaissance. 

Hybrid-Systeme

Nun nennen viele die Zeit, in der wir heute leben, eine Art „neues Biedermeier“. Viele Menschen sitzen zu Hause, machen alles am Computer und haben andere Interaktion. Meiner persönlichen Meinung nach ist die Schnittfläche /-stelle am Computer niemals von der gleichen Qualität, wie die Schnittfläche(n), die wir haben, wenn wir uns physisch treffen. Sie ist nicht von gleicher Qualität für den Begriff Lösungsbegabung, also nicht für neue Ideen, nicht für Kreativität aber auch nicht für den gesamten sozialen Bereich des Menschen. Doch wollen wir die Frage beantworten, wie es denn weitergehen soll. Ich denke, dass uns nach der Pandemie viele weitere große Herausforderungen explizit beschäftigen werden, wie beispielsweise die großen Themen Klimawandel, Rassismus, Terrorismus (in Wien) usw. und dennoch ein Thema – die ethischen Fragestellungen, die die digitale Transformation aufwirft – behandelt werden muss. Ich denke, wir werden nach der Pandemie in gewissen Dingen Hybridsysteme entwickeln, da wo es Sinn macht, beispielsweise um den ökologischen Fußabdruck zu minimieren, wenn man nicht mehr zu jedem Kongress fliegen muss, sondern wenn man von seinem Computer aus teilnehmen kann. Denn man kann sich viel mehr und entspannter treffen, wenn man das am Computer macht. Umgekehrt darf das aber nicht dazu führen, dass sie soziale Kontakte abrechen und es zu Vereinsamung kommt. Oder dass dadurch die Qualität der Schnittflächen leidet. Das alles muss selbstverständlich ganz kritisch hinterfragt werden und dem muss entgegengetreten werden. Ich denke, am Ende des Tages werden wir uns bei einem Hybridsystem treffen, wo wir die Vorteile nutzen, uns aber auch die Nachteile bewusst sind und wir uns gegen diese stellen. 

Abschließend möchte ich nochmals zurückkommen auf die Lösungsbegabung des Menschen. Haben Sie abschließende Schlussworte – wird sich die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen positiv auf die Entwicklung unserer Lösungsbegabung auswirken, auch wenn Sie sich jetzt noch mit den negativen Aspekten beschäftigen?

Ja, ich denke schon, dass es ein nennenswertes Phänomen gibt und das ist, dass die Menschen sehen, dass es auf jeden einzelnen ankommt. Wenn ich wieder auf die genannten Gruppen eingehe, die „eingefleischten Pessimisten“, die „blauäugigen Optimisten“ und die „Possibilisten/Ermöglicher“, so sieht man, dass es auf „die Ermöglicher“ ankommt und das ist ein wesentlicher Punkt, den wir mitnehmen müssen. Denn nur, wenn wir im Kollektiv nachdenken, was jeder Einzelne von uns tun kann, um dieses große Problem zu lösen, kommen wir voran. Denken wir beispielsweise an den Klimawandel, dann haben wir dort genau dieselbe Herausforderung. Natürlich wird man den Klimawandel nur dann in den Griff bekommen, wenn die politischen Fragen beantwortet werden, Übereinkünfte getroffen werden, wenn die Industrie und die Wirtschaft ins Boot geholt werden (etc.), aber zusätzlich muss jeder einzelne seinen Beitrag leisten, ohne den wird es nicht gehen. Mir als Wissenschaftler ist folgendes besonders wichtig: eine vielleicht etwas übertriebene Erwartungshaltung an die Wissenschaft. Es gibt beispielsweise Entwicklungen im Silicon Valley, dass demnächst durch die Konvergenz von künstlicher Intelligent und Gentechnologie ein „Homodeos“ entstehen soll. Dieser „Homodeos“ soll nie mehr krank sein, unsterblich sein, immer glücklich sein und für jedes Problem eine Lösung aus dem Ärmel schütteln können. Dafür gibt es aber keinen ernstzunehmenden wissenschaftlichen Ansatz, dass das tatsächlich vor der Tür steht. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass nur die Kombination von Wissenschaft (die immer ein guter Ratgeber ist) mit der Eigenverantwortung zu einem guten Ende führen kann. Diese Erkenntnis nehmen wir, wenn wir endlich aus der Pandemie rauskommen, mit für die nächsten Themen. Meiner Meinung nach ist das der Klimawandel. Das ist ein Riesenthema, welches wir nur über Eigenverantwortung und den Beitrag jedes einzelnem lösen können. 

 

Wir bedanken uns bei Dr. Markus Hengstschläger für das spannende Gespräch und freuen uns Ihn bald wieder bei unserer virtuellen apolounge [klick für mehr Informationen] begrüßen zu dürfen!

Markus Hengstschläger
Die Lösungsbegabung. Gene sind nur unser Werkzeug. Die Nuss knacken wir selbst!

Ob im Privat- oder Berufsleben, ede und jeder von uns muss laufend Probleme lösen. Und auch Klimawandel, Digitalisierung, Populismus, die Flüchtlingskrise oder nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie zeigen: die Fähigkeit, Probleme zu lösen, ist wichtiger denn je. Dafür braucht es das auch genetisch mitbestimmte Potenzial der Lösungsbegabung, bei dessen Entwicklung und Umsetzung der Mensch sehr viel selbst in der Hand hat. Um Lösungsbegabung zu fördern bedarf es aber neuer Ansätze in der Bildung, im Personalmanagement, im Leadership, in der Gesellschaft und Politik. Das Buch beschreibt Strategien, wie man Lösungsbegabung von klein auf entwickeln und ein Leben lang bei sich selbst und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fördern kann.