Gemeinsam stärker. Mehr Zusammenarbeit unter den Playern im Gesundheitsbereich – so stellen sich Expert*innen und Praktiker*innen die Zukunft des Apothekengeschäfts vor. Die Digitalisierung wird dabei eine besonders wichtige Rolle spielen.
Text: Josef Puschitz
Die Emotionen gehen hoch, wenn ein Medikament nicht lieferbar ist. Wer schon einmal in einer Apotheke gearbeitet hat und die Verzweiflung von chronisch kranken Patient*innen oder Eltern miterleben musste, weiß um die missliche Lage aller Beteiligten. Und die Lage spitzt sich immer mehr zu: Fast jeder dritte Kontakt mit Kund*innen in der Apotheke ist mittlerweile von Arzneimittelknappheit geprägt. Diesen Befund nahm eine Studie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU)* zum Anlass, genauer hinzuschauen: Was sind die Ursachen für die Lieferschwierigkeiten, die in den vergangenen Jahren vermehrt zu Herausforderungen in der Patientenversorgung führten? Die kurze Antwort: globale Inflation und Marktkonzentration. Aber noch viel wichtiger: Was sind die Lösungsansätze?
„In unserer Studie ging es auch darum, wie Apotheken in Krisenzeiten das Gesundheitssystem entlasten können. Es hat sich herausgestellt, dass sie es sich zutrauen, andere Wirkstoffe zu wählen, wenn das ursprüngliche Medikament nicht verfügbar ist. Außerdem sehen sich Apotheken durchaus in der Lage, bei harmlosen Infekten zu helfen und bei oral einzunehmenden Verhütungsmitteln oder Blutdrucksenkern Folgeverordnungen auszusprechen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Johanna Pachmayr. Die Dekanin für Pharmazie im Bereich Forschung an der PMU sieht in dieser Bereitschaft der Apotheken, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, keinen Kompetenzentzug der Ärzteschaft – im Gegenteil: Apotheker*innen mit erweiterten Kompetenzen könnten die ohnehin schon unter Druck stehenden Ordinationen entlasten. Dazu brauche es eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Gesundheitsversorgung: Denn der demografische Wandel brächte nicht nur mehr ältere Patienten und weniger Fachkräfte, sondern auch höhere Kosten im Gesundheitswesen.
Zentrum für Innovation
Pachmayr sieht Apotheken in der Schlüsselposition, diese Herausforderungen anzugehen – als erste Anlaufstelle bei der Identifikation von Erkrankungen, in der Prävention und in der Therapiebegleitung, die sich Problemen widmet, die durch Arzneimittel entstehen. „Es gibt in ganz Österreich zahlreiche Apotheken, die mit großem Engagement zeigen, wie man Wandel aktiv gestalten kann. Besonders jene, die schon jetzt neue Dienstleistungen wie spezielle Gesundheitschecks oder Präventionsprogramme anbieten, übernehmen hier eine Vorreiterrolle“, sagt auch Mag. Jan Thies. Der Leiter für Strategie, Innovation und Kommunikation in der Apothekerkammer gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass das komplexe und fragmentierte Gesundheitssystem in Österreich die Sache nicht einfacher mache. Deshalb habe man in der Apothekerkammer das Innovationszentrum eingerichtet: als Impulsgeber, Anlaufstelle und Drehscheibe für neue Ideen, Initiativen und Projekte. Ein eigens dafür geschaffener Fonds soll auch finanzielle Mittel bereitstellen. „Innovationen in und um die Apotheken müssen für die Menschen spürbar werden. Es reicht nicht, an Veränderungen in der Gesundheitsversorgung zu glauben – wir müssen aus Ideen konkrete Lösungen machen“, sagt Thies.
Frischer Wind durch die Jungen
Diese Maxime hat sich Mag. pharm. Maximilian Hofbauer zu Herzen genommen. Der 36-Jährige besitzt und leitet seit acht Jahren die Hermesapotheke in Wien. Dort zeigt er vor, wie die junge Generation an Apotheker*innen mit frischen Zugängen das Geschäftsmodell neu denkt. Seit geraumer Zeit kooperiert Hofbauer mit dem Lieferservice Foodora, um seiner lokalen Kundschaft eine unkomplizierte Zustellung von rezeptfreien Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsprodukten zu ermöglichen. „Das ist aus meiner Sicht eine perfekte Symbiose. Die digitale Kompetenz kommt vom Lieferdienst, die pharmazeutische Kompetenz von der Apotheke. So lässt sich auch ein digitalaffines jüngeres Publikum erreichen“, sagt Hofbauer.
Kooperation als Erfolgsrezept
Gleichzeitig warnt der Apotheker aber davor, die Digitalisierung nur im Kontext der jungen Kundschaft zu sehen: „Man darf nicht unterschätzen, wie sehr die Pensionistinnen und Pensionisten von heute schon mit den digitalen Technologien vertraut sind. WhatsApp wird auch von den 65- bis 75-Jährigen stark genutzt.“ Daher sei es wichtig, diesen Kanal auch aktiv miteinzubeziehen. Wenn es um Webshops und den Einsatz von künstlicher Intelligenz geht, baut Hofbauer auf die Kooperation im Verband mit mehreren lokalen Apotheken – eine Strategie, die er auch in Sachen Wissenstransfer und gemeinsamer Einkauf etabliert hat. „Die kollegiale Zusammenarbeit zwischen den Apotheken wird in Zukunft immer wichtiger. Als einsamer Ritter kommt man nicht mehr durch“, sagt der Apotheker, der bereits in der fünften Generation den Berufsstand in seiner Familie weiterträgt.
Wirtschaftskompetenz entscheidend
In zweiter Generation – nach seinem Vater – leitet Nawid Shayganfar ab Jahresbeginn 2026 die Quellen-Apotheke in Kaltenleutgeben. Für den frisch gebackenen Apothekeninhaber in spe gibt es jetzt schon viel zu tun: „Die Margen für die Apotheke werden immer kleiner, die Konkurrenz durch den Online-Handel immer größer. Davor darf man die Augen nicht verschließen. Erschwerend kommt hinzu, dass im Pharmaziestudium de facto kein betriebswirtschaftliches Wissen mitgegeben wird.“ Shayganfar hat sich im Selbststudium beigebracht, eine Bilanz zu lesen und eine Gewinn- und Verlustrechnung zu erstellen. Für ihn ist Wirtschaftskompetenz ein entscheidender Faktor, um als Apotheker im Umfeld der vielfachen Herausforderungen der Branche bestehen zu können. Dazu gehören nicht nur betriebswirtschaftliche Kenntnisse, sondern auch Managementfähigkeiten: „Man muss wissen, wie man sein Team effizient einsetzt und organisatorisch führt. Das war vielleicht vor 30, 40 Jahren noch kein großes Thema, aber jetzt, angesichts des Fachkräftemangels, vor allem bei PKA, ist es aktueller denn je“, sagt Shayganfar.
Mit dem Fachkräftemangel hat sich auch die Apothekerkammer intensiv auseinandergesetzt. Die Lösungsansätze sind vielversprechend: Administrative Routineaufgaben könnten demnach durch digitale Tools automatisiert werden, KI-gestützte Warenwirtschaft oder Chatbots für einfache Anfragen entlasten das Apothekenpersonal. Es brauche aber auch einen Imagewandel, so Jan Thies: „Innovative Versorgungsmodelle und neue Dienstleistungen sollen den Beruf weiter attraktivieren. Ein wichtiger Hebel ist die Aufwertung des Berufsbilds Apotheker*in. Wir wollen der Öffentlichkeit stärker bewusst machen, dass Apothekerinnen und Apotheker weit mehr leisten als die ‚reine’ Arzneimittelabgabe: Sie sind zentrale Akteurinnen und Akteure in der Gesundheitsberatung, Prävention, Digitalisierung und Patientenversorgung.“
Apotheke im Spielmodus
Das Wirtschaftsplanspiel Apoplan wird von Herba Chemosan bereits seit zwei Jahrzehnten angeboten, um angehenden Apotheker*innen die Welt der strategischen Planung und Unternehmensführung spielerisch näherzubringen. Das mittlerweile in der Version 3.0 völlig runderneuerte Reallife-Simulationsspiel ermöglicht, gemeinsam mit Mitspieler*innen eine Apotheke zu übernehmen und diese durch mehrere Wirtschaftsjahre zu führen.
Das Planspiel wird von einer Spielleitung begleitet, die mit den Herausforderungen der Apotheken vertraut ist, und verschafft betriebswirtschaftliches Wissen zu Geschäftszielen sowie Personal-, Einkaufs-, Logistik- und Marketingstrategien. Das Spiel dauert mit mehreren Spielrunden rund 1,5 Seminartage (Freitag bis Samstag).
Alle Infos dazu finden Sie hier: https://www.herba-chemosan.at/apoplan-3.0/