Vom Knochenleim zum Alleskleber

CLEVERE LÖSUNG. Wie der badische Apotheker August Fischer den glasklaren UHU-Kunstharzkleber erfand.

Text: Maya McKechneay | Fotos: shutterstock.com / omarova / Amanda Alamsyah

Wer um 1900 etwas kleben wollte, brauchte starke Nerven. Schließlich enthielt der damals gängige Klebstoff, „Syndetikon“, tierische Bestandteile wie Fischreste oder Knochen – und stank infernalisch. August Fischer, Apotheker aus dem badischen Bühl, war entsprechend motiviert, eine bessere Lösung zu finden. Acht Jahre tüftelte er im Labor an verschiedenen Mischungen und befand schließlich, dass eine 40-prozentige Lösung von Polyvinylacetat in Methylacetat/Aceton am sichersten hafte. Was er in der Folge auf den Markt brachte, war der weltweit erste gebrauchsfertige, klare Kunstharz-Klebstoff, mit dem sich praktisch alle Materialien zusammenfügen ließen. Nitrozellulose sorgte als zusätzlicher Bestandteil dafür, dass der Leim nach dem Auftragen schnell trocknete. Eine saubere, zeitsparende Lösung.


1932 – GEBURT DER GELBEN TUBE
Und auch ein Markenname war rasch gefunden: Analog zu anderen großen Schreibwarenmarken der damaligen Zeit, die nach Vögeln benannt waren – Marabu-Farben oder Pelikan-Füller –, und prägnanten lautmalerischen Markenkürzeln wie ATA oder OMO (beides Waschmittel) nannte Fischer sein Patent UHU Alleskleber. 1932 kamen die ersten, schon damals markant gelb leuchtenden Tuben aus der Produktion. 36.000 Schulen beschickte der findige Fischer mit Produktproben – und fuhr einen sensationellen Erfolg ein. Vier Jahre nach der Einführung wurde UHU bereits verwendet, um Verbindungen auf dem sagenumwobenen Zeppelin Hindenburg zu verleimen. Allerdings ging die Hindenburg, wie wir heute wissen, 1937 im US-amerikanischen Lakehurst spektakulär in Flammen auf. Wegen des brennbaren Klebstoffs? Natürlich nicht. 200.000 Kubikmeter hochentzündlicher Wasserstoff waren die Ursache der Katastrophe.


SYNONYM FÜR KLEBEN
Heute steht der Markenname UHU synonym für das Produkt: So wie wir Tempo statt „Taschentuch“ und Tixo statt „Klebefilm“ sagen, sagen wir UHU, wenn wir „Kleber“ meinen. Unverändert ist übrigens auch der ursprüngliche Markenclaim: „Im Falle eines Falles klebt UHU einfach alles.“ August Fischer starb 1940. Was er hinterließ, war mehr als nur ein Patent für ein erfolgreiches Produkt. Seine Arbeit steht exemplarisch für die Innovationskraft der Pharmazie: Ausgehend von einer praktischen Problemstellung entwickelte er eine Lösung, die bis heute hält, was sie verspricht.

In Großbritannien wurden während des Zweiten Weltkriegs Knochen zur Klebstofferzeugung für Flugzeuge und andere Ausrüstungsgegenstände gesammelt. In Deutschland kam teilweise bereits UHU zur Anwendung – eine Marke, die heute zur italienischen Bolton Group gehört.